Die Erfindung der Sportreportage

Erste Live-Übertragung im Radio aus Frankfurt vor 80 Jahren - Erste Rundfunk- Live-Übertragung eines Fussballspiels in Hessen am 31.1.1926: FSV Frankfurt - Hanau 93
Frankfurt - Am 28. Juni 1925 war Premiere bei der"Südwestdeutschen Rundfunkdienst AG": Der Journalist Paul Laven hatte spontan zum Mikro gegriffen, um vom packenden Endkampf einer Ruderregatta auf dem Main zu berichten. Lavens Pioniertat war wegweisend für die Entwicklung der Sportreportage zu dem Radioformat, das heute im Rundfunkjournalismus selbstverständlich ist.

Frankfurt am Main (pia/ 14.6.05) "Bilder von der Mainregatta" standen an jenem Sonntag im Sommer 1925 auf dem Programm der "Südwestdeutschen Rundfunkdienst AG" (SWR). Der Frankfurter Sender wollte seine Hörer mit einem bunten Nachmittag unterhalten, der direkt von der großen Ruderregatta übertragen wurde. Mitten ins Getümmel am Mainufer hatten sich auch der Rundfunkintendant Hans Flesch, der Komponist Paul Hindemith und der Journalist Paul Laven gestürzt. Sie hörten dem Conférencier mit seinen Witzchen zu, so erinnerte sich Laven in seinen autobiographischen Aufzeichnungen, "als die Achter auf dem Strom unter donnerndem Geschrei der Zuschauer zum Endkampf ansetzten". Hindemith sah Laven fragend an. "Plötzlich", schrieb der Journalist rückblickend, "riss ich das Mikrofon vom Ständer aus der Reichweite des verdutzten Conférenciers und eilte ans Ufer, schilderte, vom Kampfgeschehen hingerissen, das Sportereignis auf dem Wasser."

Mit Lavens spontanem Regattabericht begannen vor 80 Jahren, am 28. Juni 1925, die Live-Übertragungen von Sportveranstaltungen im Radio. Als "Erfinder" der Sportreportage in dem damals noch brandneuen Medium können somit der Frankfurter Sender und namentlich dessen Mitarbeiter Paul Laven gelten. Der 22 Jahre alte Journalist war erst kurz zuvor, im April 1925, zum SWR gekommen. Fast genau ein Jahr zuvor, am 1. April 1924, hatte der Sender den Betrieb im Dachgeschoss des Postscheckamts in der Frankfurter Innenstadt aufgenommen.

Lavens Einsatz auf der Ruderregatta hatte den Intendanten Hans Flesch so beeindruckt, dass er es wagen wollte, einen ganzen Sportwettbewerb direkt im Rundfunk zu übertragen. So berichtete Laven am 31. Januar 1926 live vom Fußballspiel zwischen dem FSV Frankfurt und Hanau 93 um die Meisterschaft des Mainbezirks, nachdem bereits drei Monate zuvor die Westdeutsche Rundfunkgesellschaft erstmals ein Fußballspiel im deutschen Rundfunk direkt gesendet hatte. Solche Sportübertragungen, die sich wohltuend vom sonst im Rundfunk herrschenden Vortragsstil abhoben, erwiesen sich schnell als äußerst publikumswirksam. Der SWR nahm sie daher regelmäßig in sein Programm auf: Ab dem Frühjahr 1926 gab es fast wöchentlich, oft am Sonntagnachmittag, Sport im Radio. Erster Höhepunkt war Lavens Reportage vom Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft zwischen der SpVgg. Fürth und Hertha B.S.C. am 13. Juni 1926. Der Übertragung schlossen sich, erstmals bei einer Sportsendung, über Fernsprechleitungen alle deutschen Sender an.

Laven, seit Sommer 1926 fester Mitarbeiter beim SWR, brachte bald auch weitere Sportarten ins Programm. Er berichtete im Frankfurter Sender erstmals im deutschen Rundfunk live vom Rugby und Tennis; er schilderte Pferde- und Autorennen, Leichtathletikwettbewerbe und Boxkämpfe sowie im Winter 1928 zum ersten Mal das Sechstagerennen aus Frankfurt. Dabei musste Laven allerdings auf die Berichterstattung über die spannenden "Hauptspurts" der Radfahrer verzichten, da die Rennleitung im Falle einer Rundfunkübertragung einen Besucherrückgang fürchtete. Um dennoch einen dramatischen Rennverlauf schildern zu können, forderte Laven seine Hörer - erfolgreich - auf, Geldprämien auszusetzen, um die die Radler dann zum Zeitpunkt der Übertragung fuhren.

Manchmal hatte Laven auch mit technischen Schwierigkeiten des noch in den Kinderschuhen steckenden Rundfunks zu kämpfen. So war die Live-Atmosphäre bei den Sportreportagen einerseits erwünscht, andererseits wegen der akustischen Kulisse bei Großveranstaltungen problematisch. Damit die Radioberichterstattung nicht im allgemeinen Geräuschpegel unterging, wurden die Mikrofone möglichst weit ab postiert, etwa auf den Tribünendächern der Sportarenen. Vom vereisten Dach der Tribüne am Riederwald hatte Laven am 26. Dezember 1926 ein Fußballderby der Eintracht zu schildern, was er angesichts der klirrenden Kälte nur mit Hilfe einer ihm heraufgereichten Flasche Cognac überstand. Weitaus kritischer wurde es, wenn Laven vom Dach aus den Spielverlauf nicht recht übersehen konnte, wie beim Rugby-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich am 15.3.1927, bei dem er schließlich sogar ein falsches Endergebnis durchgab.

Am 28. April 1929 berichtete Laven erstmals live von einem Sportereignis im Ausland. Die Direktübertragung vom Fußball-Länderspiel Italien - Deutschland aus Turin an diesem Tag wurde ein beispielloser Erfolg für den ohnehin längst populären Sportreporter. Laven avancierte im selben Jahr zum Leiter der aktuellen Abteilung des SWR. Er widmete sich nun zunehmend wirtschaftlichen und vor allem sozialen Themen, ohne je die Sportberichte ganz aufzugeben. Der Höhepunkt seiner sportjournalistischen Arbeit war seine Tätigkeit als Radioreporter bei den Olympischen Spielen in Garmisch-Partenkirchen und Berlin 1936.

Um diese Zeit im Sommer 1936 war Laven, der sich anfangs zwar mit dem Nationalsozialismus arrangiert hatte, zum "Funkberichter beim Reichssender Leipzig" degradiert worden. Drei Jahre später stieg er dann doch zum "Chefsprecher des Deutschen Rundfunks" in Berlin auf. Nach einem schweren Autounfall 1939 konnte er seine Arbeit nicht mehr im früheren Umfang ausüben. In der ersten Nachkriegszeit versuchte er vergeblich, beim Hessischen Rundfunk wieder als Sportreporter Fuß zu fassen, blieb aber weiterhin publizistisch tätig. Am 19. Oktober 1979 starb Paul Laven in Bad Salzhausen. Mit "leicht singender, bisweilen metallischer, sich hebender, anrufender und immer etwas angespannter Stimme", so ein zeitgenössischer Kollege, hatte der Star der frühen Rundfunkzeit einst "seine Beobachtungen der Welt ziseliert". Nun war diese Stimme für immer verklungen.

Sabine Hock/piaffm

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