Mitarbeiter trainieren Zivilcourage

Hanau. „Richtig klasse!“, „Toll gemacht!“, „Ich gehe jetzt mit einer ganz anderen Wahrnehmung durchs Leben!“ – das erste Seminar Gewalt Sehen Helfen (GSH) im Industriepark Wolfgang kam bestens bei den Teilnehmern an. In dem Workshop trainierten 16 Männer und Frauen aus dem Industriepark das richtige Verhalten in bedrohlichen Alltagssituationen.

Solche Situationen kennt fast jeder aus der Presse oder aus eigenem Erleben: in Bus und Bahn, auf der Straße. Viele fühlen sich hilflos: „Ich möchte doch gerne helfen, weiß aber nicht, wie.“ Das GSH-Seminar im IPW zeigte Wege, aus diesem Zwiespalt herauszukommen. Evonik Industries ist das erste Unternehmen in Hessen, das seinen Mitarbeitern ein solches Training als Tagesschulung anbietet.

Die sieben Trainer sind Mitarbeiter, die eine spezielle GSH-Ausbildung absolviert haben. Die Seminare im IPW basieren auf einer seit 2011 bestehenden Kooperation zwischen Evonik, der Stadt Hanau und dem Polizeipräsidium Südosthessen. Die Stadt unterstützt das Präventionsprogramm Gewalt Sehen Helfen in Hanau und zudem das Evonik-Engagement. Bis Ende 2012 sind drei weitere Seminare vorgesehen.  

Wo ist die Linie überschritten?
Wo fängt Gewalt überhaupt an? Nicht so einfach einzuschätzen, wie ein kleines Fragespiel zeigte. „Ein Mann reißt ein Kind vor einem heran nahenden Auto weg und tut dem Kind dabei weh. Gewalt ja oder nein?“ will Trainerin Katja Kelm wissen. Und gleich die nächsten Fragen: „Ein Jugendlicher schreit eine ältere Frau an. Gewalt ja oder nein?“, „Eine ältere Frau schreit einen Jugendlichen an. Gewalt ja oder nein?“ „Ein Auto startet an der Ampel mit quietschenden Reifen. Gewalt ja oder nein?“ Für die eigene Entscheidung bleiben nur Sekunden. Wie im richtigen Leben. Keine Zeit zu überlegen, es gilt schnell zu handeln.

Dies ist eine der Kernbotschaften von GSH. „Sich auf das Opfer konzentrieren, umstehende Menschen als zusätzliche Helfer zu aktivieren und vor allem den Täter ignorieren. Das ist der Überraschungseffekt, mit dem ein Täter nicht rechnet und der ihn veranlasst, vom Opfer abzulassen“, erläuterte Kelm. Viele Teilnehmer sehen dies zwar eher skeptisch, doch die anschließenden Rollenspiele zeigen schnell, was richtiges und was falsches Handeln bewirkt.

Nicht den Helden spielen, ist eine zweite Kernbotschaft. Eigenschutz geht vor. „Gewalt Sehen Helfen setzt auf absolute Gewaltfreiheit, auf Deeskalation und Zivilcourage“, sagt Mittrainerin Silke Kuhr. Dazu gehört auch, frühzeitig bedrohliche Situationen wahrzunehmen. „Auf das Bauchgefühl hören und der Situation aus dem Weg gehen“, rät Kuhr. Körperkontakt mit dem Täter ist tabu. Distanz halten und den Täter Siezen, schnell agieren und sofort Öffentlichkeit herstellen, sind Maßgaben, die helfen können, im Alltag Gewalt zu verhindern. (Evonik)

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